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Kontrovers diskutiert: Hongkong-Raubkopien

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Bis vor kurzem beschränkte sich der Markt für nicht-lizensierte Raubkopien im Animebereich hierzulande im wesentlichen noch auf einige Modelkits, Poster und CDs, deren Stückzahlen jedoch begrenzt blieben. Im Zeitalter der DVD sieht das jedoch anders aus…

Einen ersten Boom brachten dann 1999 Anime Soundtrack-CDs aus Taiwan, die plötzlich massenhaft in deutschen Comicshops auftauchten (siehe FUNime Nr. 12, Dezember 1999, S. 4). Während Originale aus Japan 70 bis 80 DM kosteten, waren diese nun für meist 50 DM zu haben und fanden reißenden Absatz. Die wenigen Anime-CDs, die es ganz legal auch bei uns zu kaufen gab und die oft sogar nur 40 DM kosteten, verschwanden dagegen aus den Auslagen - die Gewinnspannen waren niedriger.

Wohltat für die Fans?

Die meisten Händler bieten raubkopierte DVDs hierzulande - wie zuvor schon die CDs - zu weit überhöhten Preisen an. Teilweise kosten DVDs, die im Einkauf bei 5 Euro liegen, hier bis zu 35 Euro. Daß der Handel mit Hongkong-Ware sehr lukrativ ist und traumhafte Gewinne verspricht, erklärt die Aufgeregtheit der Händler, wenn über das Thema diskutiert wird. Dabei ist das vielfach vorgebrachte Argument, alles sei doch im Grunde nur für einen guten Zweck, denn so können sich auch Fans mit schmalerem Geldbeutel mehr Anime leisten, meist nur vorgeschoben, nämlich dann, wenn die Hongkong-Importe hier für Phantasiepreise an den Fan gebracht werden. Daß dieser dabei im Grunde über den Tisch gezogen wird, merken die meisten gar nicht, vergleichen sie doch den Preis der (qualitativ fast immer schlechteren) Raubkopie mit dem des Originals - und freuen sich, wenn sie scheinbar „gespart“ haben. Wer weiß denn auch schon, was die DVDs im Einkauf gekostet haben?

Dabei wurde bis vor kurzem noch von vielen der Ruf nach mehr deutsch untertitelten oder gar synchronisierten Anime laut, und US-Importe oder englische Fansubs wurden schon mal als Anime für eine privilegierte Minderheit bezeichnet, da viele nicht genug Englisch verstehen, um der Handlung folgen zu können. Davon ist jetzt keine Rede mehr, raubkopierte DVDs mit englischen Untertiteln gelten bei Raubkopie-Befürwortern auf einmal als Segen für die Fans.

Niemand wird bestreiten, daß es für eine größere Verbreitung unseres Hobbys von grundlegender Bedeutung ist, je mehr deutsch untertitelte und deutsch synchronisierte Anime erscheinen. Die DVDs mit ihren niedrigen Herstellungskosten eröffnet uns da gerade alle Möglichkeiten, die ersten Firmen kommen mit ihren Produkten an den Markt, und am Beispiel EMA sieht man anhand der für Mai geplanten Weiß Kreuz-DVDs, daß auch die Preise schon zu fallen beginnen: 5 Folgen pro DVD für 25 Euro sind ein erfreuliches Signal. Doch gerade, wenn die deutschen Anbieter nach langem Zögern beginnen, mehr Anime auf den deutschen Markt zu bringen und sich dabei auch den Wünschen und Verbesserungsvorschlägen der Fans gegenüber aufgeschlossen zeigen, drängen einige wenige Händler mit ihren Hongkong-Importen auf den noch kleinen Markt und gefährden teils aus Gewinnstreben, teils aus Naivität die gerade entstehende deutsche Animeindustrie.

Die Manga haben es uns vorgemacht: Noch vor wenigen Jahren konnte sich keiner vorstellen - zumindest die Verlage zögerten lange - daß es möglich ist, Manga auch bei uns in großer Auflage, bei akzeptabler Qualität zu einem günstigen Preis von 5 bis 6 Euro anzubieten. Heute haben wir nach nur wenigen Jahren ein vor kurzem noch schier unmöglich gehaltenes Angebot von deutschsprachigen Manga. Dasselbe ist auch bei Anime möglich, noch stehen wir am Anfang des Booms. Aber nur mit mehr deutschen Releases, mit vernünftiger Qualität, ist den Fans wirklich geholfen.

Natürlich spricht nichts gegen einen Verkauf von eindeutig lizensierter Ware aus Fernost. Im Zeitalter der vielzitierten Globalisierung ist es völlig legitim, genauso wie US-DVDs auch legale Hongkong-DVDs anzubieten. Dies war bei den einschlägigen Händlern bislang nur nicht der Fall, bestenfalls lagen wenige lizensierte Titel neben haufenweise raubkopierten DVDs, und dem verunsicherten Käufer wurde nicht selten wider besseren Wissens versichert, es handle sich um ordnungsgemäß lizensierte Ware.

Bleibt zu hoffen, daß die ganze Sache auch ihr Gutes hat - nämlich dann, wenn durch die offensichtliche Nachfrage nach mehr (Hongkong-)Anime die Industrie erkennt, daß der Bedarf vorhanden ist, und sich mit weiteren Releases beeilt. Denn machen wir uns nichts vor, den Raubkopien wird man nicht mit Restriktionen oder Appellen Herr werden können. Hier helfen letztlich nur die Gesetze des Marktes - dann nämlich, wenn neben der Raubkopie mit schlecht getimeten englischen Untertiteln ein deutsches Produkt liegt, und der Fan lieber zu diesem greift.

Fansubs - auch nur Raubkopien?

Oft fällt als Argument der Vergleich mit Fansubs. Sind das auch Raubkopien? Im strengen Sinne natürlich ja. Der Vergleich hinkt aber, da Fansubs den Markt bei uns erst entstehen lassen haben, und bei Einhaltung des Ehrenkodex der Fansubber - Weitergabe bzw. Kopie nur zum Selbstkostenpreis, sofortige Einstellung des Vertriebs bei Bekanntwerden einer kommerziellen Lizenz - von ihnen keine Gefahr für den Animemarkt ausgeht, und erst recht keiner mit dem geistigen Eigentum anderer reich wird. Dieses Prinzip hat jahrelang in den USA sehr gut funktioniert, wurde von der Wirtschaft toleriert und führte letztlich zu dem beeindruckenden Marktangebot, das wir in letzter Zeit in den USA erleben.

Markus

   

   
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