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Abmahnungen im Netz

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Kein Thema hat die Gemüter der Internet-Fangemeinde in den letzten Wochen so erregt wie die Abmahnungen, die Mitglieder der deutschen Anime-Newsgroup de.alt.anime, genannt daani, bekamen. Was war passiert?

In einem Thread über die AnimaniA ließ sich einer der beteiligten Teilnehmer dazu hinreißen, die Mitarbeiter von ACOG u.a. pauschal als unfähig zu bezeichnen; einen Tag zuvor hatte ein anderes bekanntes Mitglied der daani aus bloßen Vermutungen Tatsachen hergeleitet, die nicht haltbar waren. Knapp zwei Wochen später bekamen beide eine schriftliche Abmahnung der Firmen ACOG bzw. Weird Visions Media Verlags GmbH (AnimaniA) zugestellt, in der sie unter Androhung einer Vertragsstrafe von jeweils 100.000 DM aufgefordert wurden, ihre Aussagen öffentlich zu korrigieren und derartige Behauptungen in Zukunft zu unterlassen. Einige Wochen zuvor hatte bereits schon einmal ein Mitglied der Newsgroup wegen unrichtiger Behauptungen eine solche Abmahnung erhalten.

�185 StGB. Beleidigung.
Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe [...] bestraft.

�186 StGB. �ble Nachrede.
Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben ver�chtlich zu machen oder in der �ffentlichen Meinung herabzuw�rdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat �ffentlich oder durch Verbreiten von Schriften begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Da diese Abmahnungen und die Höhe der angedrohten Strafe gegen eine Privatperson in Fankreisen einen Aufschrei der Empörung verursachte, baten wir ACOG um eine Stellungnahme, da wir in der FUNime möglichst sachlich über die Angelegenheit berichten wollten, und dabei am besten beiden Parteien die Möglichkeit geben wollten, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Wir bekamen zwar keine offizielle schriftliche Stellungnahme, wohl aber die Gelegenheit zu einem ausführlichen, längeren Telefongespräch mit der Geschäftsleitung. In dem auf beiden Seiten sehr offen geführten Gespräch erläuterte diese ihre Sicht der Dinge, welche ich im folgenden stellvertretend wiedergeben möchte.

Diese Abmahnungen sowie die Höhe der Abmahnsummen waren als Warnung gedacht, um die betreffenden Leute quasi aufzurütteln. In einem der Postings wurden Mitglieder der Firma ACOG beleidigt, in dem anderen Fall wurden unrichtige Behauptungen aufgestellt, beides sei nunmal nicht hinzunehmen. Die Fans müssen sich im Klaren darüber sein, daß sie in einem öffentlichen Forum schreiben, in dem jeder mitlesen könne, und daß ihre dort gemachten Aussagen von vielen gelesen werden können – und auch werden. Sie tragen somit zu einer öffentlichen Meinungsbildung bei und müssen sich bewußt sein, daß sie hier eigenverantwortlich handeln. Das bedeute aber nicht, wie von vielen gemutmaßt werde, einen Maulkorb oder gar einen Angriff auf die freie Meinungsäußerung. Diese sei im Falle einer Beleidigung eben nicht mehr gegeben, hier sei der Bogen eindeutig überspannt worden. Im übrigen wird darauf hingewiesen, daß diese Abmahnungen durchaus bewußt von den beteiligten Firmen selbst und nicht etwa durch einen Anwalt zugestellt worden sind, was für die Betroffenen zwar den Schreck kaum mindert, sie aber abgesehen davon nochmal mit einem blauen Auge davonkommen läßt; unabhängig davon, ob und wieviel sie bei Einschalten eines Anwaltes nun zu zahlen gehabt hätten. Auf diese Weise sei für sie die Sache jedenfalls mit ungleich weniger Ärger und vor allem praktisch ohne wirklich Geld zahlen zu müssen aus der Welt.

ACOG sei nun auch nicht etwa begierig darauf aus, wie wild Abmahnungen zu erteilen, im Gegenteil. So etwas wird als letzter Schritt, dann aber auch als durchaus legitimes Mittel angesehen. Im übrigen hofft die Firma, daß durch diese Sache vielleicht ein Nach- bzw. Umdenken bei einigen Fans einsetzt, denn bis jetzt seien die Fans zwar intensiv damit beschäftigt gewesen, miteinander über ACOG zu reden, aber selten konstruktiv mit der Firma. Begründete Kritik werde stets ernst genommen.

Zu dem Punkt angesprochen, warum denn hier gleich mit Kanonen auf Spatzen geschossen werden mußte, eine einfache E-Mail hätte in jedem der Fälle gereicht, um bei den Betroffenen Einsicht zu erreichen, antwortete man, das habe man in der Vergangenheit bereits ohne Erfolg versucht, seitdem sei man dazu übergegangen, gleich auf Nummer sicher zu gehen. Es sei nicht die Aufgabe von ACOG, hier aufwendig zu unterscheiden, welcher Fan "im Grunde vernünftig" sei und wer nicht.

Mein Eindruck aus dem Gespräch ist der, daß ACOG aus ihrer Sicht im Laufe der Jahre ein eher negatives Bild von "den Internet-Fans" gewonnen hat, die scheinbar ständig nur nörgeln, unrealistische Vorstellungen über die deutsche (Anime-)Marktsituation haben und eh nie zufrieden sein werden.

Daher beruhen wohl einige der Vorbehalte, weswegen die Firma einer breiteren Kommunikation mit "den Internet-Fans" (die im übrigen nur einen Bruchteil ihrer Kundschaft ausmachen), etwa über Foren oder einer Beteiligung in der Newsgroup, eher skeptisch gegenübersteht; ganz abgesehen davon, daß die Beschäftigten gar nicht die Zeit dafür haben, denn so eben mal mit einer Stunde täglich wäre das kaum getan. Daß andererseits durch ein Schweigen von Firmenseite sich vage Vermutungen und bloße Gerüchte unter den Fans manchmal zu scheinbaren Fakten verselbständigen, ist wohl noch nicht als Problem erkannt worden.

Jedenfalls hat sich ACOG meiner Meinung nach damit einen Bärendienst erwiesen, ist doch nun das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen den Internet-Fans und dem größten deutschen Distributor nochmals verschärft. Dabei ist es ja eigentlich paradox: Beide, sowohl wir Fans als auch ACOG, wollen schließlich dasselbe, und zwar eine größere Verbreitung von Anime im deutschsprachigen Raum. Im Grunde sollte es auf der Hand liegen, daß eine Zusammenarbeit im weitesten Sinne beiden nur von Nutzen sein kann. Schließlich bieten die Fans ja auch ein großes Potential; die Manga-Verlage wissen das teilweise schon zu nutzen und beziehen die Wünsche und Vorschläge, aber auch teils heftige Kritik der Fans in ihre Planungen mit ein. Gerade die sogenannten Hardcore-Fans sind es, die sich vehement gegen Raubkopien einsetzen, sei es, daß sie die ersten sind, die Anbieter von Raubkopien auf ebay entdecken oder illegale Anime-CDs von SonMay und EverAnime aufspüren. Fans sind es, die einen Nischenmarkt wie Anime in Deutschland erst entstehen ließen und den Bekanntheitsgrad von Anime fördern, indem sie die Faszination und den Spaß, den Anime ausmacht, durch ihre Freunde bekannter machen.

Mit etwas Abstand betrachtet bieten sich also eine Menge Chancen, so daß zu hoffen ist, daß diese unschöne Episode vielleicht sogar einen Wendepunkt darstellt, und sich die Situation mittelfristig entspannt. Denn mit einer vergifteten Atmosphäre ist keinem gedient, auch ACOG nicht. Wenn wir alle in Zukunft etwas mehr darauf achten, uns im Eifer einer hitzigen Debatte nicht mehr zu solchen unbedachten Äußerungen hinreißen zu lassen, und wenn ACOG vielleicht im Falle, daß es doch wieder einer nicht lassen konnte, sich vielleicht dazu entschließen könnte, den Betreffenden mit einer E-Mail oder durch Intervention bei einem Animeverein auf sein Fehlverhalten hinzuweisen, wäre das ein erster Schritt. Das Vertrauen ist jedenfalls erstmal dahin, und es ist ein langer Weg, es sich neu zu erarbeiten. Aber hey, es ist schließlich nie zu spät…

Markus

   

   
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